Goethes "Faust": ein katholisches Werk
Im „Faust“ wird jugendliches Glaubensfeuer thematisiert!
Zu Goethes genanntem Hauptwerk bezüglich Osternacht, Sünde und Beichte, Requiem, Fegefeuer und Marienverehrung ist es wichtig, zwischen dem Autor Goethe und seinem Werk zu unterscheiden (werkimmanente Interpretationsmethode).
Der traditionstreue, von einem Sektierer ermordete Pfarrer Hans Milch (1924-1987) betonte, auch ein Nichtkatholik könne, wie er wörtlich sagte, „Werkzeug des Heiligen Geistes“ sein!
Goethe hat sich in das Katholische vertieft.
Hier vorausschickend die Vertonung von Goethes Schluss-Szene (siehe unten "Alles Vergängliche ist...") durch Robert Schumann: Scenes from Goethe's Faust, WoO 3, Pt. 3: VII. "Alles vergängliche ist nur ein Gleichnis"...
Goethes Universitätsdozent Faust verzweifelt zunächst an seiner Unfähigkeit, ein trockenes, in sich gekehrtes Stubengelehrtentum zugunsten äußerer sinnvoller Lebendigkeit zu verlassen. In einer Osternacht will er sich umbringen, erhofft vom Sterben etwas Interessantes. Da hört er aus der nahen Universitätskapelle den Dialog des Evangeliums zwischen den Frauen am Grabe Jesu und dem Engel. Es erklingen österliche Gesänge.
Der nun folgende Monolog berührt von allen „Faust“-Inszenierungen bei Paul Hartmann (1954) am meisten:
„Was sucht ihr, mächtig und gelind, / Ihr Himmelstöne, mich am Staube? / Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind. / Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube; / Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. / Zu jenen Sphären wag' ich nicht zu streben, / Woher die holde Nachricht tönt; / Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt, / Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
Sonst stürzte sich der Himmels-Liebe Kuss / Auf mich herab in ernster Sabbathstille; / Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle, / Und ein Gebet war brünstiger Genuss;/
Ein unbegreiflich holdes Sehnen / Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn, / Und unter tausend heißen Thränen / Fühlt' ich mir eine Welt entstehn. / Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele, / Der Frühlingsfeier freies Glück; / Erinn'rung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle, / Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!“
Fausts lebensrettende Erinnerung an seine fromme Jugend ist sentimental. Er glaubt nicht mehr. Statt dessen hatte er mit dem Teufel Mephistopheles eine Wette abgeschlossen.
In der Sicherheit, dass der Teufel das Herz des Menschen, den „unendlichen Hunger“ nach Glück (hl. Thomas von Aquin) nicht erfüllen kann, verwettet Faust seine Seele für einen einzigen erfüllten Augenblick. Auf seiner Glückssuche verführt er Gretchen, ein unschuldiges Mädchen, das schwanger wird und in einem depressiven Wahnanfall das eigene Kind umbringt. Dafür wird sie hingerichtet. Faust bemüht sich erfolglos, sie zu retten.
Das Thema der Kindstötung ließ J. W. v. Goethe nicht los, geht auf einen historischen Vorfall zurück, den er juristisch zu beurteilen hatte. Im nun schon 80jährigen Dichter brodelt das weitere Schicksal Fausts. Es entsteht ein langer und bilderreicher "Zweiter Teil" der Tragödie: Goethe lässt seinen Faust herabsinken auf die Stufe des gierigen Machtmenschen, der sich dem vom Teufel Mephistopheles versprochenen „höchsten Augenblick“ nähert; denn er erträumt sich den Beifall Tausender und bildet sich ein:
„Es kann die Spur von meinen Erdentagen
nicht in Äonen untergehn.“
Sein aufkommendes Glücksgefühl reflektierend, formuliert er:
„Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick.“
Da bricht Faust tot zusammen. Der Teufel wähnt sich als Sieger der Wette. Doch Mephistopheles hat sich getäuscht! Das Glück, das ein Menschenherz vollständig ausfüllen könnte, gibt es auf Erden nicht. Fausts ehemaliges Wissen darüber bewahrheitet sich am Schluss, weil er kurz vor dem erwarteten unendlichen Genussmoment verstirbt. Faust hat die Wette gewonnen!
Die Fürbitte seiner hingerichteten Geliebten, die noch im Zustand der Läuterung, noch nicht im Himmel ist, aber auch Hinweise der Engel auf Fausts ehrliches Bemühen und schließlich das Eingreifen der hl. Muttergottes retten Fausts unsterbliche Seele.
Frohlockend preist ein marienfrommer Theologe die „Jungfrau, Mutter Königin“, ja nennt die hl. Maria im Überschwang gar „Göttin“. Und in den Schlussgesang des „Chorus mysticus“ scheint Goethe selber mit einzustimmen, im inneren Jubel über die Vollendung seiner universalen, in alle Seelen- und Seinsbereiche eindringenden „Faust“-Dichtung:
DOCTOR MARIANUS:
Werde jeder bess're Sinn
Dir zum Dienst erbötig;
Jungfrau, Mutter, Königin,
Göttin, bleibe gnädig!
CHORUS MYSTICUS:
„Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.“
Das "Ewig-Weibliche" mit der hl. Maria, Mutter Gottes und ebenso Jungfrau, gleichzusetzen,
entspricht der liturgischen Mariologie, nach der Maria das Urprinzip alles Geschaffenen ist.
Denn zum Fest ihrer Unbefleckten Empfängnis nennt die Kirche mit dem Alten Testament (Spr. 8, 22-35) Maria jene, die bei der Schöpfung zugegen war.