3
4
1
2
Maximilian Schmitt

Die Revision des chaldäischen Pontifikale. Ein Prozeß, der sich durch ein halbes Jahrhundert zog - Die Syro-Malabaren als Versuchskaninchen für die Liturgiereform!

1124
Maximilian Schmitt

@Oenipontanus Und so ging die Geschichte mit dem chaldäischen Pontifikat weiter: Erst 17 oder 16 Jahre nach der Genehmigung durch Pius XII. fand 1957 in Beirut die Drucklegung statt. Die Ausrede war der Zweite Weltkrieg, aber 1957 ist immerhin bereits 12 Jahre nach dem Ende des Krieges. Nun wurde dieses Pontifikale keineswegs dem würdigsten Empfänger (aufgrund seines Ranges) überreicht, der der chaldäische Patriarch von Babylon gewesen wäre, sondern dem Erzbischof Perecatill in Indien. Dies geschah im Jahr 1958, kurz nach dem Tod von Pius XII. Perecatill bat sofort um Aufschub, da sich in der Zwischenzeit die Volkssprache Malayalam in der Liturgie an der Malabarküste ausgebreitet hatte. War das der Grund für die lange Wartezeit? Johannes XXIII. gab ihm bis 1960 Zeit, und in der Zwischenzeit ließ der Erzbischof das gesamte Pontifikale, die Weihen und alle anderen päpstlichen Riten ins Malayalam übersetzen. Und so kam es, dass 1968 die erste Bischofsweihe in Malayalam mit den übersetzten Texten des chaldäischen Pontifikals stattfand. Man muß es sich auf der Zunge zergehen lassen, um den Geschmack voll und ganz genießen zu können. Ein halbes Jahrhundert lang drehten die renommiertesten Orientalisten jede Zeile dieses ursprünglich nestorianischen Textes um, um alles herauszufiltern, was nicht nestorianischen Ursprungs war, sei es nun vermutet oder angenommen. Am Ende produzierten sie einen akzeptablen Text, aber... darum ging es nicht! Man wollte lediglich die Voraussetzungen für ein Pontifikale in der Volkssprache schaffen. Wäre man beim ersten Ansatz geblieben und hätte die syrische Übersetzung des römischen Pontifikale, als das erste Pferd im Rennen akzeptiert, wäre es im Vatikan ein Skandal gewesen, das römische Pontifikale so einfach in die Volkssprache zu übertragen. Dies war bereits bei den Altkatholiken der Fall. Es stellte sich also heraus, dass Kardinal Tissérant seit den 1930er Jahren die Syro-Malabaren zu Versuchskaninchen für die Liturgiereform gemacht hatte. Die Rückkehr zu den angeblich alten und ehrwürdigen Traditionen des Christentums im alten Syrien war nur ein Vorwand. Es bedarf also nur eines Prozesses, in dem sich die Dinge in Bewegung setzen und eine unsichtbare Hand den Zug plötzlich in diese oder jene Richtung lenkt!