Elista
Wenn die Herrlichkeit auszieht



Ezechiel, Amos und die geistliche Gefahr einer satten Kirche. Von Diakon Ulrich Franzke

Essen (kath.net/uf) In der Leseordnung der kath. Kirche steht für die 19. und 20. Woche im Lesejahr II das Buch Ezechiel, auch als Hesekiel bekannt. So hörte ich am Mittwoch der 19. Woche in der Lesung den Text aus Ezechiel 9 und 10, der mich wegen seiner Brutalität stark verstörte. Da ziehen Männer mit Werkzeugen zum Zertrümmern durch Jerusalem. Menschen sollen erschlagen werden, Alte und Junge, Frauen und Kinder. Nur diejenigen, denen zuvor ein Taw auf die Stirn gezeichnet wurde, bleiben verschont. Und dann fällt ein Satz, der sich beim Hören festsetzte: „Beginnt in meinem Heiligtum!“ Aber was soll man mit einem solchen Text anfangen?

Zu Hause nahm ich die Bibel noch einmal zur Hand. Ich las die Stelle erneut. Dann noch einmal. Schließlich ging ich ein Kapitel zurück. Erst jetzt begann sich das Bild zu öffnen. Ezechiel berichtet eine Vision. In Kapitel 8 wird er in dieser Vision nach Jerusalem geführt. Und dort sieht er nicht etwa zuerst die Bosheit Babylons, die Gottlosigkeit der Heiden oder die militärische Bedrohung Israels. Er sieht den Tempel. Den Ort, an dem Gott inmitten seines Volkes wohnen will. Und ausgerechnet dort sieht er die Gräuel: Götzendienst, fremde Kulte, Menschen, die im Heiligtum stehen und ihrem Gott den Rücken zukehren. Das neunte Kapitel ist die Antwort darauf. Das Gericht beginnt. Nicht draußen. Nicht bei den Feinden Israels. Nicht in Babylon. Sondern mitten in seinem Heiligtum, in seinem Tempel. Und dann folgt Kapitel 10: Die Herrlichkeit des Herrn verlässt den Tempel. Vielleicht ist das das eigentlich Erschreckende dieser ganzen Vision. Der Tempel steht noch. Seine Mauern stehen. Seine Priester sind nicht verschwunden. Die religiöse Ordnung existiert. Man könnte vermutlich weiterhin organisieren, verwalten, beraten und Gottesdienst feiern. Aber die Herrlichkeit Gottes zieht aus. Ein Heiligtum kann also äußerlich noch vorhanden sein, während etwas Entscheidendes bereits verloren gegangen ist. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los.

Und irgendwann kam mir ein anderer Prophet in den Sinn. Amos hatte rund anderthalb Jahrhunderte vor Ezechiel im Nordreich Israel gelebt. Es war keine Zeit offensichtlicher nationaler Katastrophen. Im Gegenteil. Es war eine Zeit politischen Erfolges und wirtschaftlichen Wohlstands. Amos blickt sehr kritisch auf diese Gesellschaft. Gemäß Lutherübersetzung spricht er die wohlhabenden Frauen Samarias als die „fetten Kühe von Baschan“ an. Sie leben gut, während die Armen ausgepresst werden. Und an Religion fehlt es keineswegs: Gleich anschließend spottet Amos über den eifrigen Kult in Bet-El und Gilgal. „Bringt her, lasst uns saufen“, sprechen die Frauen Samarias zu ihren Herren. Und der Prophet kündigt ihnen mit einer Bildsprache, die heute vermutlich einige kirchliche Kommunikationsberater in akute Atemnot versetzen würde, an, dass man sie eines Tages an Haken fortschleppen werde. An anderer Stelle zeichnet Amos dazu das Bild luxuriöser Häuser, prächtiger Mahlzeiten, von Wein und Musik und von Menschen, die sich ihres Lebens und Wohlstands erfreuen.

Das Problem ist nicht, dass Menschen essen, trinken oder Wohlstand besitzen. Das Problem ist die Sattheit. Eine Sattheit, die blind macht. Diese Sattheit zeigt sich bei Amos gerade darin, dass der Wohlstand der einen mit der Entrechtung und Ausbeutung der anderen zusammengeht. „Weh den Sorglosen auf dem Zion und den Selbstsicheren auf dem Berg von Samaria“, ruft Amos. Man fühlt sich sicher. Das Leben funktioniert. Die religiösen Feste finden statt. Opfer werden gebracht. Lieder werden gesungen. Die Institutionen stehen. Und Gott? Gott lässt durch Amos sagen, dass ihm dieser Kult zuwider ist. Wenige Jahrzehnte später fällt Samaria, das Nordreich. Wenige Jahre nach Ezechiel wird der Tempel in Jerusalem zerstört.

Zurück zu Ezechiel und dem schon genannten Taw. Das Taw ist der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets. In frühen semitischen und althebräischen Schriftformen hatte es eine kreuzartige Gestalt. Die frühe kreuzartige Gestalt des Taw hat Christen später an das Zeichen des Kreuzes denken lassen. Entscheidender aber ist: Wer trägt dieses Taw? Das Taw wird denen auf die Stirn geschrieben, die über die Gräuel Jerusalems seufzen und stöhnen. Es sind diejenigen, denen nicht gleichgültig geworden ist, was im Heiligtum geschieht. Sie haben sich nicht daran gewöhnt. Sie sehen, dass etwas falsch geworden ist, und es schmerzt sie.

Und mit dieser Erkenntnis traf mich der Satz plötzlich selbst: „Beginnt in meinem Heiligtum!“ Ich konnte ihn nicht mehr bequem beim Jerusalem Ezechiels stehenlassen....Wenn die Herrlichkeit auszieht
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Josef O.

@Elista Danke für diesen sehr wertvollen Hinweis auf die Auslegung von Ez 9 und 10 durch Diakon Ulrich Franzke... ein sehr interessanter Beitrag, doch wie so oft werden die besten Beiträge hier auf Gloria.tv leider am wenigsten beachtet. Ein sehr interessanter und fest im kath. Glauben stehender Diakon, dieser Ulrich Franzke, von dem es auch viele weitere gute und sehr lesenswerte Beiträge auf kath.net gibt, die ich leider alle nicht kannte... da ich kath.net nicht mehr lese.
Seine Auslegung von Ez 9 und 10 ist wirklich sehr interessant!
Wie man hier weiß, schätze ich die Exegetin Margarete Strauss sehr, und ich verlinke gerne ihre Ausführungen zu Ez 9 und 10
Mittwoch der 19. Woche im Jahreskreis

Elista

Dazu auch Das Tau und dessen Bedeutung

Sunamis 49

aus ezechiel

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