Für Lesefaule: Zusammenfassung von Prümms Kapitel über die Stoa auf einer DIN-A4-Seite mit besonderer Berücksichtigung der Rolle des hegemonikon Pneuma
@Santiago_ ; @OenipontanusRELIGIONSGESCHICHTLICHES HANDBUCH FÜR DEN RAUM DER ALTCHRISTLICHEN UMWELT
HELLENISTISCH-RÖMISCHE GEISTESSTRÖMUNGEN UND KULTE MIT BEACHTUNG DES EIGENLEBENS DER PROVINZEN
VON
KARL PRÜMM S.J.
ROM 1954
PÄPSTLICHES BIBELINSTITUT, ANASTATISCHER Neudruck
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Im Menschen gibt es ein führendes Pneuma (pneuma hegemonikon), auf das die Einheit des Bewußtseins und der Willensstrebung zurückgeht. Auch die Welt hat ihr Pneuma hegemonikon. Das will heißen: das Urpneuma strömt zwar mit einem Teil seines Lebens in die Welt ein, ragt aber mit seiner obersten Spitze doch noch in etwa über sie hinaus. Es ist aber nur eine scheinbare Weltüberlegenheit, die dadurch dem Pneuma zugebilligt wird. Denn seine innerste Stofflichkeit bleibt ja unangetastet.
Seite 151, Fußnote 4
4 ) Mit Recht sagt Leisegang {Der Heilige Geist 50}: „Mochte auch in der späteren stoischen Philosophie und bei den von ihr abhängigen Medizinern der Gottes- und Lebensbegriff immer mehr, besonders unter dem Einfluß der platonischen Lehre spiritualisiert werden, da, wo das Pneuma als Bezeichnung Gottes und der Seele auftrat, diente es doch vor allem dazu, die in der Welt wirkenden unsichtbaren Kräfte und Erscheinungen des Seelenlebens auf natürliche, d. h. im Geiste der Stoa auf materialistische Weise zu erklären." —
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Da die Stoa weiterhin annahm, in den Heroen und den großen Wohltätern der Menschheit offenbare sich das kosmische Urprinzip in ungewohnter Kraft und Starke [im Tonos {dynamis, virtus}, dessen vorzüglicher Sitz das Hegemonikon ist. Einfügung durch uns!], so schien auch die Verehrung mythischer oder geschichtlicher Persönlichkeiten gerechtfertigt [Nach gnostischer Sicht auch des des Kaisers oder Christi]. Der höhere Teil der menschlichen Seele war nach der Auffassung der Stoiker ebenfalls in besonderer Weise eine Mitteilung des Pneuma und ließ sich als Schutzgeist der Menschen hinstellen. So konnte die Stoa dem polytheistischen Pantheon noch Zuwachs bringen.
Das tritt in steigendem Maße in der Jungstoa zutage, wo im besonders über den sokratischen Dämon viel geschrieben wird (vgl. Max. Tyr.).
[Näheres zum sokratischen Daimonion in einem Kommentar von Kardinal Manning, auf den in der
amerikanischen Catholic Encyclopedia hingewiesen wird [Stichwort „demons“]].
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d) Der Mensch und die Sittlichkeit: Eliteprinzip. Das ethische Menschenbild der Stoa erhält sein Grundgepräge durch die Bestreitung der Willensfreiheit. Das streng deterministisch aufgebaute Weltbild läßt bei folgerechter Durchdenkung fiir die Möglichkeit freier Selbstentscheidung keinen Raum.
Trotzdem galt der Weise als wahrhaft frei. Ihm allein wurde ein Anteil an dem ,rechten Logos’ (der recta ratio Ciceros, jenes ewige Weltgesetz, dem der Stoa zufolge auch die Götter verpflichtet sind! Meine Hinzufügung) zugebilligt. Der Weise galt überhaupt sozusagen als artverschieden von den gewöhnlichen Menschen. Von diesem Weisen und seinen Tugenden entwarf die Schule ein Idealbild, das sie selbst als praktisch unerreichbar zugab. Zu dieser Anhäufung alles Guten auf die Gestalt des Weisen gelangte man dadurch, daß man den aristotelischen Gedanken von der Verbundenheit aller Tugenden gewaltsam durchpreßte. Ja, man übersteigerte ihn noch, und zwar im besonderen dadurch daß man erklärte, der Weise vereinige in sich von Natur auch alle Wissenschaften und Fertigkeiten. Auch ganz persönliche Sondergaben, wie z. B. die Feldherrnkunst, schloß man dabei nicht aus. Ein besonders lebensfremder Zug der stoischen Ethik war die Ablehnung des Mitleids mit dem Elend des Nächsten sowie die Forderung einer völlig gefühllosen Haltung dem Schmerz gegenüber.
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Die Lebensaufgabe des Menschen hat Poseidonius (Vertreter der mittleren Stoa und Schüler des Panaitos) weniger in der Anpassung an die Natur gesehen als in der Erfüllung der Pflicht, zur Erhaltung der Ordnung des Alls mitzuwirken. Der Weg dahin läuft nach ihm über den Gehorsam gegen den Dämon des Menschen, der ein Teil der Gottheit ist.
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Poseidonius anerkennt im Gegensatz zu Panaitios die Unsterblichkeit des ,Dämon‘ im Menschen. Es scheint, daß er eine Wanderung der Seele nach ihrem Tode durch die Regionen des Mondes angenommen hat. (Rezeption durch frühchristliche Denker, wie Origenes, was aber im Judentum auch bis heute fortwirkt). Auf dieser Himmelreise soll die Seele (d. h. ihr hegemonikon) von den ihr anhaftenden Schlacken befreit werden.
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Von hier aus gelangt Poseidonius auch zu einer Neubegründung der Affektenlehre. Die größte stoische Forderung, sich nicht zum menschenunwürdigen Affekt fortreißen zu lassen, erhält bei ihm die Fassung: Man darf „sich nicht vom Ungöttlichen, Kako-dämonischen fortreißen lassen". Hierfür „gibt es keinen anderen letzten Grund als Gott oder den Dämon in des Menschen Brust, der mit der makrokosmischen, weltlenkende Vernunft ,verwandt‘ und ,gleichen Wesens ist. Dies Lehrgebäude war weder Platonismus noch die orthodoxe Schullehre der Stoa, sondern etwas aus dem Innern Neues, Originales, weil aus einer eigenen Form geboren (Reinhardt 335).
Zitatende!
Fazit: Die pseudepigraphischen Texte einer sogenannten Traditio Apostolica, die Hippolyt zugeschrieben werden, können ohne Kenntnis des geistesgeschichtlichen Kontextes der hellenistischen Philosophien gar nicht verstanden werden. Daher der Hinweis auf Karl Prümm SJ, aber auch auf das umfassende Gesamtwerk von Antonio Orbe SJ über die valentianische Gnosis, welches an der Gregoriana veröffentlicht wurde!